Interview: Restrukturierung in Österreich

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Wie funktioniert Restrukturierung in Österreich? Im Interview mit Christian Kniescheck (Management Factory) und Maurizio Ria (Duke & Kay) zu Verfahren, Banken, Private Equity und Restrukturierungsmanagement.
08 Apr. 2026

Österreich zählt zu den strukturiertesten Restrukturierungsmärkten Europas, geprägt von einer engen Zusammenarbeit zwischen Banken, Anwält:innen, Berater:innen und Interim Manager:innen.

Im Gespräch mit Christian Kniescheck, Partner bei der VALTUS Management Factory in Wien, und Maurizio Ria, Managing Partner von Duke & Kay in Mailand und Mitglied der Valtus Alliance, beleuchten wir, wie sich Restrukturierungen in Österreich in der Praxis unterscheiden, welche Rolle Banken und Private Equity spielen und wie sich Berater:innen und Interim Manager:innen rechtlich wie operativ im Prozess positionieren. Die Erkenntnisse bieten wertvolle Orientierung für Unternehmen im DACH‑Raum, die sich krisenfest aufstellen oder bereits in einem Sanierungsprozess stehen.

„In Österreich ist die außergerichtliche Restrukturierung der Standardfall – Sanierungspläne entstehen vertraulich und gemeinsam mit Banken, ohne sofort ein Gerichtsverfahren zu starten."

– Christian Kniescheck, Partner bei VALTUS Management Factory

Christian Kniescheck

Partner bei VALTUS Management Factory, Wien
Spezialisiert auf außergerichtliche Restrukturierungen und Sanierungsbegleitung

Maurizio Ria

Managing Partner bei Duke & Kay, Mailand
Mitglied der Valtus Alliance – Experte für grenzüberschreitende Restrukturierungen

Wie läuft eine außergerichtliche Restrukturierung in Österreich ab?

Christian Kniescheck: In Österreich ist die außergerichtliche Restrukturierung der Standardfall. Unternehmen verhandeln direkt mit ihren Gläubiger:innen, meist mit den Banken, und entwickeln gemeinsam einen Sanierungsplan – ohne dass ein formelles Verfahren vor Gericht eingeleitet wird. Der Prozess ist vertraulich, vertraglich und orientiert sich an etablierten Marktstandards wie den Leitlinien zur Fortbestehensprognose und den „Grundsätzen für Restrukturierungen in Österreich".

Wichtig ist, dass der Plan eine klare Ursachenanalyse, eine Markt‑ und Umfeldbeurteilung, einen konkreten Maßnahmenkatalog und eine integrierte Finanzplanung enthält – inklusive monatlicher Planung über mindestens 12 Monate und Jahresplanungen für zwei weitere Jahre. Wer diese Punkte ernst nimmt, signalisiert den Gläubiger:innen, dass das Unternehmen handlungsfähig ist.

Welche Rolle spielen Fortbestehensprognose und die „Grundsätze für Restrukturierungen"?

Christian Kniescheck: Die Fortbestehensprognose ist das Fundament jeder seriösen Restrukturierung. Sie definiert, was ein glaubwürdiger Sanierungsplan leisten muss: Analyse der Ursachen, Bewertung von Markt und Umfeld, Maßnahmenkatalog und Finanzplanung, die auch liquiditätsrelevante Fragen abdeckt.

Parallel dazu haben führende Banken gemeinsam mit Kanzleien die „Grundsätze für Restrukturierungen in Österreich" entwickelt. Sie wirken wie ein De‑facto‑Gentlemen's Agreement und führen häufig zu einer Stillhaltevereinbarung. Während dieser Phase verzichten Banken auf Kündigungen fälliger Kredite und schaffen so den Raum, um einen Sanierungsplan gemeinsam mit Management und Berater:innen zu entwickeln.

„Wer die Fortbestehensprognose ernst nimmt und die ‚Grundsätze für Restrukturierungen' kennt, signalisiert den Gläubiger:innen, dass das Unternehmen handlungsfähig ist."

– Christian Kniescheck
Wann kommt es in Österreich zu einem Insolvenz‑ oder Restrukturierungsverfahren?

Maurizio Ria: Wenn die außergerichtlichen Verhandlungen scheitern oder die Gläubiger:innen nicht einvernehmlich zusammenfinden, kommen die gesetzlichen Verfahren zum Tragen. Österreich kennt drei zentrale Wege:

Zum einen das Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung für insolvente Unternehmen, mit einer Mindestquote von 20 % an ungesicherte Gläubiger:innen innerhalb von zwei Jahren. Zum anderen das Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung, ebenfalls für insolvente Unternehmen, mit einer Mindestquote von 30 %. Beide sind in der Insolvenzordnung geregelt.

Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung

20 %

Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung

30 %

Maurizio Ria: Hinzu kommt das Restrukturierungsverfahren nach der Restrukturierungsordnung (ReO), das auf Unternehmen mit drohender, aber noch nicht eingetretener Insolvenz zielt. Hier kann eine mehrheitsbasierte Schuldenrestrukturierung erfolgen, inklusive klassenübergreifendem Cram‑down, ohne dass jede Gläubigergruppe zustimmen muss. Das schafft einen klaren rechtlichen Rahmen für alle Beteiligten.

Valtus-Perspektive

Die ReO ermöglicht eine Schuldenrestrukturierung bereits bei drohender Insolvenz – ohne dass ein formelles Insolvenzverfahren eingeleitet werden muss. Das eröffnet Unternehmen frühzeitig Handlungsspielraum.

Welche Fehler werden in der frühen Krise häufig gemacht?

Christian Kniescheck: Der häufigste Fehler ist eine Mischung aus Hoffnung und Verdrängung. Viele Unternehmen tun zunächst nichts, hoffen, dass sich die Lage von selbst bessert, und verschwenden wertvolle Zeit. Je länger sie mit belastenden Maßnahmen warten, desto teurer und komplexer werden die späteren Gegensteuerungen – und desto höher das Risiko für erhebliche Gläubigerschäden.

Professionelles Krisenmanagement setzt dagegen früh an: mit Transparenz, einer ehrlichen Lageeinschätzung und einer fundierten Fortbestehensprognose. Interim Manager:innen können hier Tempo, Struktur und eine externe, unvoreingenommene Perspektive bringen – gerade dann, wenn die bestehende Geschäftsführung emotional überlastet ist.

Wie stark ist der Arbeitnehmer:innenschutz im Insolvenzfall?

Maurizio Ria: Arbeitnehmer:innen sind in Österreich eine der besonders gut geschützten Gläubigergruppen. Ausstehende Löhne, Gehälter und Sozialversicherungsbeiträge werden im Insolvenzfall über den Insolvenz‑Entgelt‑Fonds (IEF) abgesichert. Der Fonds übernimmt in der Regel auch Boni, Überstundenvergütungen, nicht konsumierte Urlaube und Teile von Abfertigungen und Kündigungsentschädigungen.

Die Auszahlungen erfolgen innerhalb weniger Wochen direkt an die Betroffenen. Das stabilisiert die Belegschaft in der Krise und schafft Vertrauen in den Fortbestand des Unternehmens.

Schritt 1

Insolvenzeröffnung

Schritt 2

Prüfung & Freigabe

Schritt 3

Auszahlung an Arbeitnehmer:innen

Insolvenz-Entgelt-Fonds (IEF)

Der IEF übernimmt offene Löhne und Gehälter – Auszahlung erfolgt in der Regel innerhalb weniger Wochen direkt an die Betroffenen.

Wie können Berater:innen und Interim Manager:innen ihre Honorare sichern?

Christian Kniescheck: Hier unterscheidet sich die Praxis stark je nach Erfahrung. Unerfahrene Akteure müssen sich oft mit einer geringen Quote begnügen, etwa 20 % oder etwas mehr der ursprünglich vereinbarten Honorare. Wer sich auf Restrukturierungssituationen spezialisiert, nutzt hingegen Mechanismen des österreichischen Zivilrechts, etwa den „Zug‑um‑Zug‑Mechanismus".

Wenn Leistung und Gegenleistung tatsächlich gleichzeitig erfolgen, greifen viele Anfechtungsrisiken nur eingeschränkt. In der Praxis arbeiten erfahrene Partner:innen mit sehr kurzen Abrechnungszyklen – häufig im Zweiwochen‑Rhythmus – und mit klaren Vorschüssen. So stellen sie sicher, dass ihr Honorar rechtssicher und faktisch realisiert wird.

Welche Rolle spielen Banken und Private Equity?

Maurizio Ria: Banken spielen im österreichischen KMU‑Sektor nach wie vor die zentrale Rolle. In der Regel führen sie auch den Restrukturierungsprozess, weil sie die meisten Finanzierungspositionen halten. Zu nennen sind große Institute wie Raiffeisen, Erste Bank / Sparkassen und UniCredit, aber auch regionale Häuser wie Oberbank, BKS oder BTV.

Private‑Equity‑Investoren sind im österreichischen Markt deutlich seltener als in Deutschland, Großbritannien oder Frankreich. Es gibt derzeit keine rein auf Turnarounds oder Special Situations ausgerichteten einheimischen Fonds. Dafür sind einige deutsche PE‑Häuser wie Orlando, Aurelius, Mutares, Hannover Finanz oder Quantum Capital Partners gelegentlich in österreichischen Restrukturierungsfällen aktiv – vor allem, wenn sich strategische Chancen ergeben.

Banken im Zentrum

Raiffeisen, Erste Bank / Sparkassen, UniCredit sowie regionale Institute wie Oberbank, BKS und BTV führen den Restrukturierungsprozess im KMU-Sektor.

Private Equity selten

Keine einheimischen Turnaround-Fonds. Deutsche PE-Häuser wie Orlando, Aurelius oder Mutares sind gelegentlich bei strategischen Chancen aktiv.

Welche Unterstützung bietet der Staat?

Christian Kniescheck: Die österreichische Politik setzt auf eine Kombination aus direkter und indirekter Unterstützung. Zentral ist die Austria Wirtschaftsservice GmbH (AWS), die Garantien und zinsbegünstigte Kredite, insbesondere für KMU‑Sanierungen und Nachfolgefälle, bereitstellt. Parallel dazu bieten die Bundesländer eigene Förderstellen wie den Kärntner Wirtschaftsförderungsfonds (KWF).

Diese Instrumente sind meist nicht isoliert wirksam, sondern Teil einer Gesamtlösung, an der Banken, Eigentümer:innen, Gläubiger:innen, Mitarbeiter:innen und der öffentliche Sektor gemeinsam mitwirken. Voraussetzung für die Einbindung der AWS ist in der Regel ein belastbarer Sanierungsplan, eine fundierte Fortbestehensprognose und die aktive Mitwirkung der beteiligten Banken.

Wie lief die Restrukturierung der KTM‑Gesellschaften ab?

Christian Kniescheck: Zwischen November 2024 und Mai 2025 begleitete ein interdisziplinäres Team den Sanierungsprozess der KTM‑Gesellschaften sowie den Sanierungsverwalter. Die Aufgaben umfassten unter anderem die Prüfung der Angemessenheit der Planquote, die Validierung von Fortbestehensprognose und Finanzplanung, Analysen zu Verlustursachen, wirtschaftliche Prüfungen möglicher Haftungs‑ und Anfechtungsansprüche, strategische Desinvestitionen wie MV Agusta und X‑Bow sowie die Begleitung der Bankverhandlungen.

Maurizio Ria: Die Gläubiger:innen erhielten eine Quote von 30 %, insgesamt rund 525 Millionen Euro – überwiegend finanziert durch den indischen Motorradhersteller Bajaj, der neuer Mehrheitseigentümer der KTM‑Gesellschaften wird. Das Beispiel zeigt, wie eng rechtliche, finanzielle und operative Maßnahmen in einer professionell geführten Restrukturierung verzahnt sind.

30 %

Gläubigerquote im KTM-Restrukturierungsfall

ca. 525 Mio. € – finanziert durch den neuen Mehrheitseigentümer Bajaj
Was macht Österreich als Restrukturierungsstandort besonders?

Maurizio Ria: Österreich besticht durch eine klare, rechtlich stabile Ordnung, eine kooperative Gläubiger:innenkultur und eine eingespielte Restrukturierungsgemeinschaft. Banker:innen, Kanzleien, Berater:innen und Interim Manager:innen kennen sich oft aus mehreren Fällen, was die Zusammenarbeit erleichtert. Zudem gibt es Plattformen wie den Verband „ReTurn", die den Austausch über gesetzliche Neuerungen, Praxisfälle und Best Practices fördern. Das macht Österreich zu einem Markt, in dem sich faire und tragfähige Sanierungspläne überraschend schnell umsetzen lassen.

„Österreich besticht durch eine klare, rechtlich stabile Ordnung, eine kooperative Gläubiger:innenkultur und eine eingespielte Restrukturierungsgemeinschaft."

– Maurizio Ria, Managing Partner bei Duke & Kay
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