Europas Industrie am Scheideweg: Wie sich die Fertigung in den nächsten 25 Jahren neu erfinden muss

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Industriearbeiter blickt auf europäische Fertigungsanlage – Markus Nakanishi, Partner bei Valtus Germany, zur Zukunft der europäischen Fertigung
15 Apr. 2026

Die europäische Industrie steht an einem Wendepunkt. Rund 14 bis 15 Prozent des BIP und über 30 Millionen Arbeitsplätze hängen an der Fertigung – doch geopolitische Fragmentierung, Lieferkettenrisiken, hohe Energiekosten, Fachkräftemangel und zunehmender globaler Wettbewerb erfordern eine tiefgreifende Neuausrichtung. Ein Überblick mit Stimmen aus dem internationalen Valtus-Netzwerk.

Ein Sektor am Wendepunkt

Die europäische Industrie war lange geprägt durch ihre Vielfalt an Spezialisierungen: deutsche Präzisionstechnik und Chemie, italienische Handwerks- und Industriecluster, französische Luft- und Raumfahrt, britische Life Sciences, schwedische Innovationskraft in Materialien und Cleantech. Doch die Kräfte, die heute gleichzeitig auf all diese Sektoren wirken, sind fundamental anders als in früheren Zyklen.

Markus Nakanishi, Partner bei Valtus Germany, beschreibt die Lage so: Steigende Energie- und Betriebskosten, wachsender Regulierungsdruck, ein demografisch bedingter Fachkräftemangel und eine geopolitisch fragmentierte Welt – all das zusammen mit dem Imperativ zur Digitalisierung und Dekarbonisierung.

–1,2 %
Industrieproduktion Euroraum vs. Jan. 2025
67 %
der Industrieentscheider sehen KI als Schlüssel
62 %
nennen Talent als größte operative Herausforderung

Deloittes Studie „The Future of European Manufacturing" bestätigt die Spannung: Europäische Hersteller sind in vielen Segmenten nach wie vor technologisch führend. Doch das Risiko, diese Position zu verlieren, wächst. Steigende Regulierung, Energiekosten über dem Niveau globaler Wettbewerber und chronischer Fachkräftemangel schwächen die Kostenposition genau dann, wenn Investitionen in neue Fähigkeiten am dringendsten wären.

Deutschland als größte Industrienation des Kontinents verzeichnet einen anhaltenden industriellen Rückgang: Die Industrieproduktion ist über mehrere Jahre gefallen, und die Daten aus Anfang 2026 zeigen erneute Schwäche – insbesondere in den Bereichen Automotive, Maschinenbau und verarbeitendes Gewerbe.

„Deutsche Hersteller haben einen kritischen Punkt erreicht: Es geht nicht mehr um Optimierung, sondern um eine fundamentale Neupositionierung – unter eingeschränkten Ressourcen und hoher Unsicherheit. Viele Geschäftsmodelle, die jahrzehntelang erfolgreich waren, verlieren schrittweise ihre Wettbewerbsfähigkeit."

– Markus Nakanishi, Partner bei Valtus Germany

Nakanishi identifiziert drei Prioritäten für Hersteller, die das kommende Jahrzehnt erfolgreich navigieren wollen: strategische Fokussierung statt Breite, die Neuinterpretation industrieller Exzellenz durch Automatisierung und KI statt reiner Kostensenkung – und die entscheidende Frage, ob die richtige Führungskraft im richtigen Moment am richtigen Platz ist.

Italiens industrieller Mittelstand: Stärke und Verwundbarkeit

Italien bietet eine interessante Kontrastdynamik. Das Netzwerk spezialisierter Industriedistrikte – Präzisionsmechanik, Luxusgüter, Lebensmittelverarbeitung, Verpackung – ist ein mächtiges Differenzierungsmerkmal, und die italienischen Exporte bleiben in Premiumsegmenten bemerkenswert stabil. Doch die strukturellen Herausforderungen sind ebenso real.

Für Roberto La Caria, Managing Partner bei Valtus Italien, ist Führung die entscheidende Variable: Angesichts der kleineren Durchschnittsgröße italienischer Unternehmen sei Leadership essenziell, um Aggregation und M&A-Deals zur Erreichung angemessener Skalierung zu orchestrieren. Gerade für Italiens inhabergeführte KMU sei die Nachfolgethematik keine Zukunftsfrage mehr, sondern eine aktive Wettbewerbsbremse.

„Über ihre handwerkliche Exzellenz hinaus müssen italienische Hersteller strategisch Lieferkettenschwächen navigieren, ihre Markenreputation schützen und aggressiv Exportmärkte erschließen – angesichts einer begrenzten Inlandsbasis."

– Roberto La Caria, Managing Partner bei Valtus Italien

Der Imperativ der Reindustrialisierung

Reindustrialisierung – die strategische Umkehr jahrzehntelanger Verlagerungen ins Ausland – ist zu einem der bestimmenden Unternehmensimperative der Mitte der 2020er Jahre geworden. Laut dem Capgemini Research Institute haben 55 Prozent der europäischen Unternehmen im Jahr 2025 in Nearshoring oder eine Kombination aus Near- und Reshoring investiert. Getrieben vom Wunsch, geopolitische Risiken zu reduzieren, Lieferketten abzusichern, Zölle zu navigieren und Nachhaltigkeitsverpflichtungen einzuhalten.

Frankreich

Reindustrialisierung als Staatsräson. Industrieproduktion +2,3 % im Jan. 2026. Fokus auf Batterien, Aerospace, Defence.

Großbritannien

Advanced Manufacturing Plan für Hochwertsektoren. Stärke bei Inlandskonsum, Herausforderung bei Post-Brexit-Operationen.

Schweden

Vorreiter der grünen Industrietransformation. Produktion +3,1 % im Jan. 2026. Führend bei Stahl, Forst, Präzisionstechnik.

Claudie Hamerstehl, Senior Partner bei Valtus Frankreich, sieht drei Sektoren als die eigentlichen Treiber der französischen Reindustrialisierung: Batterien und Elektromobilität zur Unterstützung der Elektrofahrzeug-Transformation; Luft- und Raumfahrt, insbesondere mit emissionsarmen Flugzeugen und Microlaunchern; sowie den Verteidigungssektor als Impulsgeber für die gesamte industrielle Wertschöpfungskette.

„Die Einführung von KI stellt eine komplexe Herausforderung dar, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette adressiert werden muss – mit dem zusätzlichen Imperativ, die Souveränität zu wahren, insbesondere im Verteidigungssektor."

– Claudie Hamerstehl, Senior Partner bei Valtus Frankreich

Steve Rutherford, Partner bei Valtus UK, zeichnet ein differenzierteres Bild als es die Schlagzeilen vermuten lassen: Die britische Fertigung befinde sich in einer besseren Position, als politische Unsicherheit, Energiekosten und die Brexit-Nachwirkungen erwarten ließen. Der Fokus auf Hochqualitätsprodukte und Güter für den Inlandsverbrauch – insbesondere Lebensmittel – führe zu einem insgesamt positiven Ausblick. Allerdings sei das Bild für ausländische Unternehmen mit britischen Werken weniger eindeutig – dort blieben die operativen Einschränkungen durch den Brexit eine tägliche Realität.

Clara Sherman, Partner bei Nordic Interim Schweden, betont, der Erfolg der schwedischen Industrie basiere auf einer soliden politischen Unterstützung und einem starken Engagement sowohl des öffentlichen als auch des privaten Sektors. Hersteller setzten zunehmend auf innovative Technologien und nachhaltige Praktiken, unterstützt durch staatliche Anreize und qualifizierte Fachkräfte. Herausforderungen blieben jedoch bei der Skalierung und der Sicherstellung nachhaltiger Lieferketten.

„Der Erfolg der grünen Transformation hängt von der fortgesetzten Zusammenarbeit zwischen Industrieakteuren, Politikern und der Forschungsgemeinschaft ab. Interim Management spielt dabei eine entscheidende Rolle – es liefert die nötige Expertise und Führungskompetenz, um komplexe Herausforderungen zu navigieren und strategische Veränderungen wirksam umzusetzen."

– Clara Sherman, Partner bei Nordic Interim Schweden

Europas politische Antwort: Der Industrial Accelerator Act

Am 4. März 2026 veröffentlichte die Europäische Kommission den Industrial Accelerator Act (IAA) – eines der bedeutendsten Stücke europäischer Industriegesetzgebung seit einer Generation. Die Verordnung schafft einen Rahmen zur Beschleunigung industrieller Kapazitäten und Dekarbonisierung in strategischen Sektoren: vereinfachte Genehmigungsprozesse, Investitionsmobilisierung und die Absicherung von Lieferketten für Schlüsseltechnologien.

Der IAA baut auf der breiteren EU-Industriestrategie auf und greift Analysen wie den Draghi-Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit von 2024 auf. Er steht im Einklang mit dem Clean Industrial Deal der Europäischen Kommission von 2025, der die Modernisierung der Industrie, die Förderung von Innovation und die Stärkung der technologischen Souveränität Europas vorantreiben soll.

Technologie, Talent und die grüne Transformation

Künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge und fortgeschrittene Robotik definieren neu, was eine Fabrik leisten kann. Laut Deloitte betrachten 67 Prozent der europäischen Industrieentscheider KI als Schlüsselhebel für die künftige Wettbewerbsfähigkeit – bei Qualitätskontrolle, vorausschauender Wartung und Lieferkettenoptimierung. Capgeminis Daten ergänzen: Über die Hälfte der befragten Unternehmen haben durch den Einsatz digitaler Technologien in Reindustrialisierungsprojekten bereits mehr als 20 Prozent Kosteneinsparungen realisiert.

Doch die Produktivitätschance wird durch eine Talentkrise beschränkt, die keine Entspannung zeigt. 62 Prozent der Hersteller nennen Rekrutierung und Mitarbeiterbindung als ihre größte operative Herausforderung, und der Mangel an Industrie-4.0-Kompetenzen dürfte bis weit in die 2030er Jahre anhalten. Die Produktivitätslücke zu den USA und China zu schließen, erfordert nicht nur Technologieinvestitionen, sondern eine grundlegende Neugestaltung, wie Industrieunternehmen technische Talente gewinnen, entwickeln und halten.

Schlüsselzahlen

67 % der europäischen Industrieentscheider sehen KI als Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit (Deloitte)

62 % nennen Rekrutierung und Mitarbeiterbindung als größte operative Herausforderung (Deloitte)

55 % der europäischen Unternehmen investieren bereits in Near- oder Reshoring (Capgemini)

> 20 % Kosteneinsparung durch digitale Technologien in Reindustrialisierungsprojekten (Capgemini)

Das nächste Kapitel der europäischen Industrie

Die nächsten 25 Jahre der europäischen Industrie werden nicht allein durch Größe definiert, sondern durch die Präzision und Agilität, mit der Europas Industrieunternehmen eine Ära simultaner Transformation navigieren: technologisch, ökologisch und geopolitisch. Politische Rahmenwerke wie der Industrial Accelerator Act liefern die Architektur. Reindustrialisierungskapital liefert den Treibstoff. Doch keines von beiden verwandelt sich automatisch in wettbewerbsfähige Ergebnisse.

Exekution ist der Differenziator. Die Hersteller – und die Führungskräfte hinter ihnen –, die Strategie unter Druck und in hohem Tempo in operative Realität übersetzen können, werden das nächste Kapitel der europäischen Industriegeschichte schreiben.

Was bedeutet das für den DACH-Raum?

Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen als industrielle Kernmärkte Europas besonders im Fokus dieser Transformation. Die Kombination aus Fachkräftemangel, Energiekosten und dem Umbruch in Schlüsselsektoren wie Automotive und Maschinenbau macht erfahrene Interim-Führungskräfte zum strategischen Hebel – nicht als Übergangslösung, sondern als Katalysator für fundamentale Neuausrichtung.

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Quellen:

Eurostat, Industrial production down by 1.5% in the euro area and by 1.6% in the EU, 13. März 2026

European Commission, Mapping the impact of industrial decline on European regions, 2025

Deloitte, The Future of European Manufacturing: Ready for 2030?, 2025

Capgemini Research Institute, The Resurgence of Manufacturing: Reindustrialisation Strategies in Europe and the US, 2025

Destatis (Statistisches Bundesamt), 2026

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