Vor 25 Jahren befand sich die europäische Private-Equity-Branche noch in einer frühen Entwicklungsphase und suchte nach ihrer Position im Markt. Heute ist sie zu einem zentralen Treiber für Unternehmenstransformation, Kapitalallokation und Wertschöpfung auf dem gesamten Kontinent geworden.
Die kommenden 25 Jahre werden sowohl von Chancen als auch von zunehmendem Druck geprägt sein: Ein stark gereifter Markt sieht sich neuen Herausforderungen gegenüber und muss seine Strategien für die Zukunft neu definieren.
Ein Markt nimmt wieder Fahrt auf
Nach zwei Jahren gedämpfter Aktivität bewegt sich der europäische Private-Equity-Markt von einer Phase der Stabilisierung hin zu neuer Dynamik. Laut dem European Private Equity Outlook 2026 von Roland Berger erwarten mehr als 75 % der befragten Branchenexperten, dass die Zahl der M&A-Transaktionen unter Beteiligung von Private-Equity-Investoren im Jahr 2026 gegenüber 2025 steigen wird.
Dieser Optimismus basiert auf mehreren Faktoren: aufgeschobene Exits kommen nun auf den Markt, Bewertungsdifferenzen zwischen Käufern und Verkäufern verringern sich, und die Finanzierungsbedingungen verbessern sich.
Die gesamte europäische Deal-Aktivität zeigt bereits erste Anzeichen einer Erholung. Das Transaktionsvolumen stieg von 2024 auf 2025 um 13 %, wobei insbesondere die Nordics, Großbritannien und die DACH-Region das Wachstum anführten.
Allerdings konzentriert sich die Erholung zunehmend auf größere Transaktionen. Im Jahr 2025 stieg der globale Deal-Wert im Private-Equity-Markt um 19 % auf 2,6 Billionen US-Dollar, während die Anzahl der Deals insgesamt um 5 % zurückging. Der Anstieg wurde überwiegend durch besonders große Transaktionen getragen.
Europa zeigt denselben Trend: Während der Wert von Buyout-Deals in Nordamerika um 29 % zunahm, verzeichnete Europa einen Anstieg von 8 %. Der Markt wird selektiver mit weniger, dafür deutlich größeren Transaktionen.
„Je größer und komplexer Private-Equity-Transaktionen werden, desto weniger geht es um die richtige Strategie – und desto mehr um schnelle Umsetzung unter Druck, in einem Umfeld mit vielen Einflussfaktoren“, erklärt Björn Henriksson, Group CEO von Valtus.
„Genau hier ist Executive Interim Management zu einem entscheidenden Hebel für Wertschöpfung geworden.“
Welche Sektoren prägen die nächste Ära?
Die Branchenlandschaft im europäischen Private Equity verändert sich spürbar. Technologie, Software und digitale Lösungen führten 2025 mit rund 803 Transaktionen das Deal-Geschehen an. Auch für 2026 werden in diesem Bereich die höchsten Wachstumsraten erwartet (Roland Berger).
Gleichzeitig entwickelt sich Infrastruktur zu einem wichtigen neuen Investitionsfeld. Besonders in Deutschland dürfte ein öffentliches Investitionsprogramm von rund 500 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren Infrastrukturinvestitionen in Höhe von 200 bis 250 Milliarden Euro auslösen. Besonders profitieren könnten dabei die Bereiche Mobilität, Energienetze und spezialisierter Tiefbau.
„Deutschlands groß angelegte Infrastrukturprogramme schaffen die größten Wertschöpfungspotenziale auf der Umsetzungsebene – dort, wo Portfoliounternehmen ihre Fähigkeit, Projekte umzusetzen, unter Kosten-, Kapazitäts- und Regulierungsdruck skalieren müssen. Private-Equity-Investoren können hier Wirkung erzielen, indem sie Interim-Executives einsetzen, um Projekte zu stabilisieren, PMO-Strukturen zu professionalisieren und Margendisziplin in einem Umfeld von Inflation und Lieferkettenvolatilität wiederherzustellen.
Interim-CEOs, COOs und CFOs beschleunigen Entscheidungsprozesse, schließen Governance-Lücken und verwandeln öffentliche Fördermittel in planbare Cashflows. Der Wert liegt weniger in der Strategie, sondern in Geschwindigkeit, Kontrolle und exzellenter Umsetzung.“
Manoj George, Partner bei Valtus Deutschland
Der Healthcare- und Pharmasektor setzt seinen strukturellen Aufstieg fort und verzeichnete zwischen 2024 und 2025 ein Deal-Wachstum von 41 %.
Auch Business Services, Financial Services und MedTech bleiben attraktive Bereiche für Private-Equity-Investoren – insbesondere aufgrund ihrer Skalierbarkeit und stabilen, wiederkehrenden Umsätze.
„In Frankreich und ganz Europa wird das Wachstum von Private Equity besonders in Branchen stark sein, in denen Buy-and-Build-Strategien und operative Transformation skalierbaren Mehrwert schaffen – insbesondere im Bereich Healthcare Services, bei technologiegestützten B2B-Plattformen sowie in spezialisierten Industrienischen rund um die Energiewende.
Diese Märkte sind fragmentiert und geprägt von inhabergeführten Mid-Cap-Unternehmen. Private-Equity-Investoren können hier Professionalität, Internationalisierung und Digitalisierung beschleunigen.
Unsere Arbeit bei Valtus mit PE-finanzierten Scale-ups und Healthcare-Unternehmen zeigt: Der entscheidende Differenzierungsfaktor ist die Fähigkeit, Wertschöpfungsprogramme schnell und konsequent durch erfahrene Führungskräfte umzusetzen.“
Emmanuel Fretti, Senior Partner bei Valtus Frankreich
Auch Italien bietet laut Pietro Butté, Partner bei Valtus Italien, ein besonderes Umfeld für Private-Equity-Investitionen:
„Die Stärke Italiens liegt in traditionellen Industrien wie der verarbeitenden Industrie und im Luxusgüterbereich – Sektoren, die in den kommenden zehn Jahren verstärkt Private-Equity-Interesse auf sich ziehen dürften.
Darüber hinaus spielt der Bereich erneuerbare Energien eine wichtige Rolle, nicht zuletzt durch den italienischen Nationalen Aufbau- und Resilienzplan (PNRR), der durch erhebliche EU-Mittel unterstützt wird und einen starken Fokus auf grüne Investitionen legt.“
Wertschöpfung neu definiert
Die Zeit, in der Financial Engineering der zentrale Treiber für Renditen war, ist vorbei.
Mit sich normalisierenden Zinssätzen und weiterhin hohen Bewertungsmultiples – nahezu die Hälfte der PE-Experten hält die aktuellen Multiples weiterhin für überbewertet (Roland Berger) – verschiebt sich der Fokus klar auf operative Wertschöpfung.
Im Jahr 2026 liegen die Prioritäten insbesondere auf:
- Add-on-Akquisitionen
- Integration von Künstlicher Intelligenz
- digitaler Transformation zur Performance-Steigerung von Portfoliounternehmen
„In komplexen Situationen – etwa bei Post-Merger-Integrationen, Carve-outs, Buy-and-Build-Plattformen oder grenzüberschreitenden Transaktionen – geht häufig Wert verloren: zwischen Planung und Umsetzung, zwischen Synergiezielen und realem P&L-Effekt, zwischen IT-Systemen und belastbaren Daten oder zwischen Governance-Strukturen und operativen Entscheidungen im Alltag.
Feste Managementteams sind oft überlastet, politisch eingeschränkt oder schlicht ausgelastet. Interim-Führungskräfte schaffen hier Mehrwert, weil sie sofortige Umsetzungskapazität, klare Verantwortlichkeit und erprobte Vorgehensweisen aus vergleichbaren Situationen mitbringen.“
Björn Henriksson, Group CEO von Valtus
Besonders bemerkenswert ist, wie stark Künstliche Intelligenz die Branche selbst verändert. Fast die Hälfte der Befragten in der Roland-Berger-Studie erwartet, dass KI ihren größten Nutzen im Bereich Due Diligence entfalten wird – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
Auch der EY Private Equity Pulse hebt KI-gestützte Deal-Origination und Portfolio-Monitoring als entscheidende Fähigkeiten der nächsten Generation von Fondsmanagern hervor.
In den kommenden fünf Jahren dürfte KI zum am schnellsten wachsenden Hebel der Wertschöpfung über den gesamten Private-Equity-Lifecycle hinweg werden.
„Die nordischen Länder verfügen über ein starkes Technologie-Ökosystem. Private-Equity-Investoren werden weiterhin Unternehmen unterstützen, die auf innovative Technologien wie künstliche Intelligenz, Machine Learning und digitale Transformation setzen.
Mit zunehmender Digitalisierung steigt auch die Nachfrage nach digitaler Infrastruktur – etwa Rechenzentren, Cloud-Computing und Breitbandnetzen.
Gleichzeitig werden weiterhin Investitionen in Life Sciences und Healthcare erwartet, darunter Biotech, MedTech und digitale Gesundheitslösungen. Diese Entwicklungen unterstreichen die Stärken der Region in Innovation und Nachhaltigkeit.“
Jan Långbacka, Managing Director & Managing Partner, Nordic Interim Finland
Risiken in einer sich wandelnden Private-Equity-Landschaft
Der Ausblick für europäisches Private Equity ist vielversprechend – jedoch nicht ohne Herausforderungen.
Planbarkeit von Cashflows bleibt die größte Einschränkung für Fremdfinanzierungen: 80 % der PE-Experten nennen sie als wesentliches Hindernis (Roland Berger).
Zusätzlich erschweren folgende Faktoren das Umfeld:
- makroökonomische Unsicherheit
- geopolitische Risiken
- struktureller Druck auf zyklische Industrien wie Automotive und Chemie
Dies erfordert eine besonders disziplinierte Selektion von Transaktionen.
Wie Pietro Butté erläutert, entstehen gerade im Mittelstand sowohl Herausforderungen als auch Chancen:
„Italien verfügt über zahlreiche traditionelle mittelständische Produktionsunternehmen, die auf hochwertige Nischen spezialisiert sind – von Maschinenbau über Automotive-Komponenten bis hin zu Textilien und spezialisierten Lebensmittelverarbeitern – oft mit global anerkanntem Qualitätsniveau.
Gleichzeitig stehen diese Unternehmen vor zwei zentralen Herausforderungen:
Erstens fehlt häufig das Kapital und Management-Know-how, um global zu skalieren oder konsequent zu digitalisieren.
Zweitens sind viele dieser Unternehmen familiengeführt und sehen sich mit Nachfolgefragen konfrontiert, da die nächste Generation nicht immer bereit oder in der Lage ist, die Führung zu übernehmen.
Die Fragmentierung dieser Industrien eröffnet erhebliche Chancen für Private-Equity-getriebene Konsolidierungsstrategien.“
Der Wettbewerb um Fundraising bleibt intensiv, während Limited Partners (LPs) Fondsmanager zunehmend dazu drängen, Exits schneller zu realisieren.
Parallel dazu gewinnen ESG-Kriterien weiter an Bedeutung. Auch wenn sie kurzfristig nicht immer oberste Priorität haben, sind sie zunehmend in LP-Mandaten und regulatorischen Rahmenwerken verankert.
Langfristig dürfte sich ESG von einer Compliance-Anforderung zu einem strategischen Hebel für Wertschöpfung und Risikomanagement entwickeln.
Das nächste Kapitel für Private Equity in Europa
Die nächsten 25 Jahre des europäischen Private Equity werden nicht allein durch das Volumen des eingesetzten Kapitals bestimmt werden – sondern durch die Intelligenz und Präzision, mit der dieses Kapital eingesetzt wird.
Die Unternehmen und Berater, die Branchenexpertise, technologische Kompetenz und operative Exzellenz miteinander verbinden, werden die nächste Generation europäischer Marktführer hervorbringen.
Wie Björn Henriksson es formuliert:
„In großen, komplexen Transaktionen schafft Strategie Potenzial. Interim Manager machen dieses Potenzial Realität.“
Quellen:
Roland Berger, European Private Equity Outlook 2026
