Europa rüstet auf, so schnell und in einem Ausmaß wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Die EU-Verteidigungsausgaben erreichten 2024 rund 343 Milliarden Euro, ein Plus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch Geld allein entscheidet nicht über Handlungsfähigkeit. Die eigentliche Frage lautet: Kann Europa seine industrielle Basis, seine Beschaffungssysteme und vor allem seine Führungskräfte schnell genug skalieren, um das Ziel „Readiness 2030" zu erreichen? Ein Blick über die Grenzen der Valtus Group, mit einer klaren Stimme aus Deutschland.
Eine historische Zeitenwende für die europäische Verteidigung
Das sicherheitspolitische Umfeld hat sich grundlegend verschoben. Der russische Krieg gegen die Ukraine, der strategische Aufstieg Chinas, wachsende hybride Bedrohungen, geopolitische Fragmentierung und Signale eines nachlassenden US-Engagements für die europäische Sicherheit zwingen den Kontinent zu einem fundamentalen Umdenken. Über Jahrzehnte gaben die meisten EU-Mitgliedstaaten weniger als zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus. Diese Ära ist vorbei.
Das Weißbuch der Europäischen Kommission für die europäische Verteidigung („Readiness 2030") benennt die Herausforderung offen: Europa muss seine Fähigkeit stärken, die eigene Zukunft zu gestalten, statt von Entscheidungen abzuhängen, die anderswo getroffen werden. Der ReArm-Europe-Plan soll bis zu 800 Milliarden Euro an Verteidigungsinvestitionen mobilisieren, gestützt durch neue Instrumente wie das Programm „Security Action for Europe" (SAFE).
Diese Transformation ist längst sichtbar. Die Verteidigungsproduktion in Europa ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, getrieben von einer Welle aus Fusionen und Übernahmen, dem raschen Hochfahren der Munitions- und Elektroniksektoren und dringlicher staatlicher Beschaffung. Zugleich bleiben die Kapazitätsgrenzen spürbar: von Engpässen bei Spreng- und Treibstoffen über schwerfällige nationale Beschaffungssysteme bis hin zu einem kritischen Mangel an qualifizierten Ingenieuren, Programmmanagern und operativen Führungskräften.
Die EU Defence Roadmap 2030 macht die strukturelle Tiefe dieser Reibungsverluste deutlich: Jahrzehnte fragmentierter, national abgeschotteter Beschaffung haben eine zersplitterte industrielle Basis geschaffen, die für den heute geforderten Output schlecht geeignet ist.
Wenn Ambition auf Bürokratie trifft: die deutsche Perspektive
Kaum ein Spannungsfeld ist so ausgeprägt wie der Widerspruch zwischen dem Tempo, das Europas Verteidigungsambitionen verlangen, und der Geschwindigkeit, mit der die Beschaffungssysteme tatsächlich liefern können. Für den deutschen Markt, mit seiner starken industriellen Basis und seiner engen Verflechtung von Konzernen und spezialisiertem Mittelstand, ist diese Frage besonders relevant. Markus Nakanishi, Partner bei Valtus Germany mit Schwerpunkt Automotive, Maschinenbau und Defence, bringt sie auf den Punkt.
Markus Nakanishi
Als Partner bei Valtus Germany begleitet Markus Nakanishi Unternehmen in Transformations- und Wachstumssituationen an der Schnittstelle von Industrie und Verteidigung. Seine Einschätzung zum strukturellen Kernproblem der europäischen Aufrüstung.
„Europa beschafft Verteidigungsgüter noch immer überwiegend über nationale Systeme. So entstehen viele kleine Märkte statt einer skalierbaren industriellen Basis. Das Beschaffungs-Mindset muss sich ändern: Europa erwartet Output in Kriegsmaßstäben, kauft aber weiterhin über langsame, komplexe und stark nationalisierte Prozesse ein, statt über schnelle, standardisierte, gemeinsame Beschaffung."
Dieses strukturelle Spannungsverhältnis wird branchenweit anerkannt. Nakanishi verweist auf ein weiteres Hindernis: Verteidigungsunternehmen zögern, aggressiv in neue Kapazitäten zu investieren, in Anlagen, Zulieferer, Fachkräfte und langfristige Lagerbestände, solange keine großen, verbindlichen und mehrjährigen Verträge finanzielle Sicherheit geben. Solange die Beschaffungsrahmen nicht ernsthaft reformiert werden, um der Dringlichkeit der strategischen Lage gerecht zu werden, bleibt der industrielle Hochlauf begrenzt.
Skalierung durch Ökosysteme statt reiner Konsolidierung
Die Konsolidierungswelle, die die europäische Verteidigungslandschaft umgestaltet, war am deutlichsten in den Segmenten leichte Waffen, Munition und elektronische Systeme, also genau dort, wo die kriegsbedingte Nachfrage am höchsten ist. Die Post-Merger-Integration ist inzwischen ein Spezialgebiet: Sie stützt sich auf dedizierte Expertenteams, die Due Diligence durchführen, Teams zusammenführen und Lieferketten unter engem Zeitdruck neu ausrichten.
Statt Skalierung allein über Konsolidierung zu erreichen, zeigt Italien, wie Koordination im Ökosystem Innovation und Tempo antreiben kann. Das zweistufige Modell des Landes, mit Generalunternehmern wie Leonardo und Fincantieri sowie einem dichten Netz spezialisierter Mittelständler in der Toskana, der Lombardei, Kampanien und Ligurien, ermöglicht schnelles Prototyping, flexiblen Technologietransfer und die Nutzung von Dual-Use-Innovationen über zivile und militärische Anwendungen hinweg.
„Italiens verteidigungsindustrielles Modell ist ein einzigartiges und dynamisches Ökosystem, in dem große Generalunternehmer strategisch mit spezialisierten Mittelständlern zusammenarbeiten und so einen flexiblen Innovationsrahmen schaffen, der die technologische Entwicklung beschleunigt. Die Stärke des Ökosystems liegt in seiner Fähigkeit, durch belastbare öffentlich-private Zusammenarbeit einen reibungslosen Technologietransfer zu ermöglichen."
La Caria sieht Italiens Rolle über die eigenen Grenzen hinausreichen: Indem es größere europäische Verteidigungsmächte und kleinere Nationen über gemeinsame Beschaffung und Technologieaustausch verbindet, hilft Italien beim Aufbau jener integrierten, interoperablen industriellen Basis, die die Einsatzbereitschaft von EU und NATO erfordert.
Die unsichtbare Engstelle: qualifizierte Führungskräfte
Ist die Beschaffung die sichtbare Beschränkung des europäischen Verteidigungshochlaufs, so ist der Mangel an qualifiziertem Personal die weniger sichtbare, aber ebenso gewichtige Herausforderung. Besetzungszeiträume von sechs bis neun Monaten für erfahrene technische und operative Profile sind branchenweit die Regel. Am größten ist die Lücke an der Spitze: Chief Technology Officers mit Dual-Use-Expertise, Programmdirektoren für großangelegte Verteidigungsinitiativen, Leiter industrieller Operations und Lieferketten sowie Führungskräfte für Cybersicherheit und digitale Transformation sind, gemessen an der Nachfrage, kritisch knapp.
Frankreichs Verteidigungsindustrie, die jährlich rund 30 bis 35 Milliarden Euro erwirtschaftet und durch das Militärprogrammgesetz 2024 bis 2030 mit 413 Milliarden Euro für die Modernisierung der Streitkräfte gestützt wird, ist dieser Herausforderung direkt und mit einiger Erfindungsgabe begegnet.
„Die Verteidigungsindustrie verschiebt sich gerade davon, erfahrene Leute bei Bedarf einzustellen, hin zu einem kontinuierlichen internen Aufbau und Erhalt strategischer Fähigkeiten. Wir sehen auch, dass immer mehr Akteure ihre Rekrutierungsquellen diversifizieren und über die klassische spezialisierte Personalberatung hinaus schnellere Wege zu erfahrenen Ressourcen nutzen, etwa Interim Manager."
Cohen beobachtet eine mehrdimensionale Antwort in der französischen Industrie: formelle Mentoring- und Wissenssicherungsprogramme, interne Akademien mit Fokus auf Cybersicherheit und KI sowie strukturierte Partnerschaften mit Universitäten und technischen Hochschulen. Entscheidend: Unternehmen rekrutieren gezielt aus angrenzenden Branchen wie Automobil, Energie, Software und Telekommunikation und setzen Interim Management als Instrument zur schnellen Besetzung ein, um Führungslücken zu schließen, die langwierige Einstellungsprozesse nicht rechtzeitig füllen können.
Wo Geografie zur Strategie wird: der Norden und Osten Europas
Das geografische Zentrum der europäischen Sicherheitsfrage hat sich nach Norden verschoben. Die Ostseeregion, heute strategisch entscheidend, verändert die Prioritäten und die Positionierung nordischer und nordeuropäischer Verteidigungsakteure. Dänemarks Zehn-Jahres-Verteidigungsabkommen (2024 bis 2033) mit über 143 Milliarden Dänischen Kronen für Modernisierung und Resilienz spiegelt die Dringlichkeit dieses Moments. Dänische Kompetenzen in maritimer Sicherheit, im Schutz kritischer Infrastruktur, in Cyber-Resilienz, in fortschrittlichen Radarsystemen und in der Logistik sind von Nischenstärken zu zentralen strategischen Aktiva innerhalb der europäischen Architektur geworden.
„Dänemark ist derzeit in einer einzigartigen Position. Geografisch, politisch und industriell hat sich die Ostseeregion von wichtig zu strategisch entscheidend für die europäische Sicherheit entwickelt. Was Dänemark besonders relevant macht, ist nicht die Größe, sondern Spezialisierung und Agilität."
Sabroe verweist darauf, dass Dänemarks lange Tradition enger öffentlich-privater Zusammenarbeit und schneller Entscheidungswege eine rasche Mobilisierung von Kompetenzen über Regierung, Industrie und verbündete Partner hinweg ermöglicht. Zugleich betont sie, dass sich der Charakter der Herausforderung erweitert hat: Verteidigung bedeutet heute ebenso, Lieferketten zu sichern, Daten und Infrastruktur zu schützen und operative Resilienz zu gewährleisten. Genau hier bringen dänische Spezialisten, und zunehmend auch Interim-Führungskräfte mit der Fähigkeit, Operations unter Druck schnell zu skalieren, einen Mehrwert, der ihre nationale Größe übersteigt.
Norwegen erzählt eine parallele Geschichte von Integration und Spezialisierung. Das Land richtet seine Verteidigungsindustrie eng an der NATO aus, durch höhere Verteidigungsausgaben, Fähigkeits-Upgrades und tiefere Beteiligung an gemeinsamen Beschaffungs- und Einsatzrahmen. Norwegische Unternehmen sind zunehmend in europäische Lieferketten integriert, besonders in den Bereichen Maritime, Überwachung und Hightech-Verteidigungssysteme. Bemerkenswert ist das verstärkte Engagement Norwegens bei EU-Mechanismen wie dem Europäischen Verteidigungsfonds (EDF), ein bedeutender Schritt für ein Land außerhalb der EU.
Finnlands Position ist durch Geschichte ebenso geprägt wie durch Geografie. Kein Land der EU hat eine längere Landgrenze zu Russland, und keines hat deshalb einen konsequent ernsthafteren Ansatz in der Verteidigung verfolgt. Finnland verpflichtet sich, seine Verteidigungsausgaben bis 2030 auf 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Das wirft drängende Fragen nach der industriellen und personellen Kapazität auf, die nötig ist, um diese Investitionen in einsatzfähige Fähigkeiten zu übersetzen.
„Die Entwicklung der Verteidigungsindustrie findet heute stärker in der Öffentlichkeit statt, Alternativen werden sowohl in der Politik als auch in der Branche selbst diskutiert. Der Aufbau und das Wachstum einer stark regulierten Industrie, die oft auf umfangreichen staatlichen Aufträgen beruht, sind offensichtlich keine leichte Aufgabe. Wie lassen sich industrielle Fähigkeiten aufbauen, bevor ein Auftrag vorliegt? Wie bindet man Kompetenzen wie PMO-Leiter oder Supply-Chain-Experten früh genug ein? Flexibilität bei den Ressourcen ist ein Muss, ebenso wie tiefgehende Sicherheitsüberprüfungen für Schlüsselpersonal."
Nähe als Katalysator: die Ostflanke Europas
Die Ostflanke Europas war den Kräften, die die Aufrüstung antreiben, besonders ausgesetzt. Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und die baltischen Staaten, viele von ihnen an oder in der Nähe des aktiven Konflikts in der Ukraine, bewegen sich schneller und mit größerer Intensität als ihre westlichen Nachbarn.
„Der schnellere Verteidigungsaufbau in Osteuropa ist zuerst durch die Nähe zur Ukraine getrieben. Die am meisten unterschätzte Herausforderung ist derzeit das Tempo: Tempo beim Aufbau zusätzlicher Kapazität, Tempo beim Hochfahren bestehender Kapazitäten und Tempo dabei, neue Verteidigungsprodukte auf den Markt zu bringen, bevor der operative Bedarf schon weitergezogen ist."
Lipovsky lenkt den Blick auf ein unterschätztes Aktivum: das teils brachliegende verteidigungsindustrielle Erbe der mittel- und osteuropäischen Nationen. Länder wie die frühere Tschechoslowakei, Polen, Bulgarien und Rumänien waren einst bedeutende Exporteure militärischer Ausrüstung in den Nahen Osten, nach Afrika, Asien und Lateinamerika. Diese industrielle Kapazität zu reaktivieren, zu modernisieren und mit den heutigen NATO- und EU-Lieferketten zu verbinden, ist eine der bedeutendsten ungenutzten Chancen der europäischen Verteidigung. Die Herausforderung ist im Kern eine Frage des Tempos: Das operative Umfeld wartet nicht, bis die industrielle Basis aufgeholt hat.
Der Weg bis 2030 und darüber hinaus
Mit Blick nach vorn stechen fünf Prioritäten heraus, die für den europäischen Defence-Sektor besonders folgenreich sind.
Transformation der Beschaffung
Ohne gemeinsame, verbindliche und mehrjährige Verträge, die der Industrie das Vertrauen geben, in Kapazität zu investieren, bleibt die Produktion begrenzt. Die European Defence Readiness Roadmap 2030 weist klar in Richtung schnellerer, standardisierter, grenzüberschreitender Beschaffung, als praktische Notwendigkeit, nicht als ferne Aspiration.
Industrielle Integration
Die M&A-Welle schafft echte Chancen für europäische Skalen-Ökosysteme. Sie zu realisieren erfordert jedoch erfahrene Führung, die komplexe, multinationale Umgebungen unter komprimierten Zeitplänen navigieren kann.
Humankapital
Talent entscheidet letztlich darüber, wie schnell Ambitionen zu Ergebnissen werden. Interim Management, branchenübergreifende Rekrutierung und interne Fähigkeits-Akademien werden immer stärker zum Kern dessen, wie der Sektor sein Tempo hält, nicht als Notlösung, sondern als echtes strategisches Instrument.
Technologische Souveränität
Von Cybersicherheit und KI über Drohnen bis zu autonomen Systemen investiert Europa in Technologien, die den Charakter der Kriegsführung verändern. Die Abhängigkeit von nicht-europäischen Akteuren bei kritischen Fähigkeiten zu reduzieren, ist eine Richtung, die inzwischen breit über die Mitgliedstaaten hinweg geteilt wird.
Umfassende Resilienz
Verteidigung reicht in den 2030er-Jahren weit über das Schlachtfeld hinaus, in den Cyberraum, in Lieferketten und in kritische Infrastruktur. Eine engere Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen, privater Industrie und Zivilgesellschaft wird Teil der Antwort sein.
Nicht das Volumen entscheidet, sondern die Integration
Die nächsten 25 Jahre der europäischen Verteidigung werden nicht allein durch das Investitionsvolumen bestimmt, sondern durch die Qualität der Integration: über Beschaffungssysteme, industrielle Ökosysteme, nationale Fähigkeiten und Pipelines für Humankapital hinweg. Das Ausmaß der Herausforderung ist beträchtlich. Doch der strategische Wille, das finanzielle Commitment und die industrielle Kapazität, ihr zu begegnen, sind zum ersten Mal seit einer Generation auf dem gesamten Kontinent tatsächlich vorhanden.
Für Organisationen, die im oder rund um den Verteidigungssektor tätig sind, verlangt der Moment erfahrene Führung, die Operations skalieren, Komplexität navigieren und unter Druck liefern kann, über Grenzen, Disziplinen und das beschleunigte Tempo eines Sektors im strukturellen Wandel hinweg.
Ausgangslage: EU-Verteidigungsausgaben 2024 bei 343 Mrd. €, ReArm Europe mobilisiert bis zu 800 Mrd. €
Kernengpass 1: Fragmentierte, nationale Beschaffung statt schneller, gemeinsamer Verträge
Kernengpass 2: Kritischer Mangel an Führungskräften, Besetzungszeiten von sechs bis neun Monaten
Lösungshebel: Interim Management als schnelles Instrument, um Führungslücken zu schließen, die klassische Einstellungsprozesse nicht rechtzeitig füllen
Perspektiven der Valtus Group: Deutschland, Frankreich, Italien, Dänemark, Norwegen, Finnland und die Slowakei
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